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Sonntag, 24. September 2017

Würdenträger : weil jeder Mensch Würde trägt

Würdenträger-Projekt stärkt Bewusstsein

Eine Woche Würdenträger-Projekt stößt auf Zweifler und Zögerer und macht aus Überzeugten Überzeugende

Nicolas Kleinschmidt

Montagmorgen, 7.50 Uhr an der Auguststraße 31: Dieser Morgen begann einmal ganz anders für die Schüler und Schülerinnen der Liebfrauenschule Oldenburg: Weder Stühle und Tische, noch Lehrer und Tafel. Stattdessen Turnhallenboden, ein Holzkreuz, Bilder und die Frage, ob es nicht wenigstens hätten Stühle sein können.
Dann ging es los und man vergaß den unbequemen Sitzplatz alsbald. Frau Anni Schäfers, wie auch Vertreter der Schüler- und Lehrerschaft und die Schulleitung persönlich sorgten dafür, dass die Bilder Konturen annahmen. Ein Gesicht, eher einer Fratze gleich, von Stacheldraht zerteilt und blutroter Farbe gerahmt, wurde als Jesus vorgestellt. Darunter im Bild ein Mann, mittleren Alters, in gebückter Haltung stehend und die Hände in Bescheidenheit vor dem Bauch haltend, wie sie dem traurig, aber entschlossen wirkenden Gesicht nicht unähnlicher hätten sein können, hießen die Lektoren Maximilian Kolbe und betonten seine Ähnlichkeit zu dem vorhergehend dargestellten Jesus. War man als Schüler einer christlichen Schule an diesem Punkt schon von der Frage los, wie diese erschreckende Maske Jesus Christus sein könne, fragte man sich nun erneut. Was hatte dieser Mann, ein Häftling schien er zu sein, sein Overall verriet ihn als solchen, mit Jesus von Nazareth zu tun?
Die Antwort auf diese Frage hätten sich einige an diesem frühen Morgen vielleicht gerne erspart, denn sie war ebenso verstörend wie beeindruckend: Maximilian Kolbe hatte sich 1941 für einen Mithäftling und dessen Familie im KZ Auschwitz geopfert und war für sie in den Hungerbunker gegangen. Anstatt letztlich aber zu verzagen, schenkte der inhaftierte und nun zum Tode verurteilte Franziskaner-Mönch den Mitverurteilten seiner und angrenzender Zellen bis in den Tod hinein Trost.
Das Wort „Würdenträger“ nahm keiner der Sprechenden an diesem Morgen in den Mund. Während des kurzen Einspiels von Beethovens „Mondscheinsonate“ aber lenkte der Blick ab von dem Bild, das an diesem Morgen so überrascht hatte und blieb schließlich an den kreisrunden, von den Klassenlehrern und –lehrerinnen bereits vor dem Gottesdienst ausgeteilten Ansteckern hängen, die bei allen einen Platz am Kragen gefunden hatten. Der Schriftzug verriet, dass der Tragende ein „Würdenträger“ ist. Die Erkenntnis über den Sinn des Gesagten, des ganzen Projekts, kam in überwältigender Weise und vollkommener Ruhe, die nur Beethoven zu durchdringen sich traute.

Diese Erkenntnis, die von den Schülern und Schülerinnen in nur einer Stunde Wortgottesdienst gefasst worden war, wurde die Basis und das Zentrum einer vollen Woche „Würdenträger“-Projekt: Die Schulgemeinschaft musste zunächst einmal erkennen, dass die Achtung der menschlichen Würde die „Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ ist, wie es das Grundgesetz darstellt, und diese zu „achten und zu schützen“ nicht nur die Verpflichtung des Staates, sondern auch die jedes einzelnen ist.
Speziell in dieser Woche sollte dies erlernt und geübt werden, Unterricht mit einem etwas anderen, aber essenziellen, Inhalt. Die Religionslehrer der Schule gaben sich rege Mühe dieses, durch die Umstände der heutigen Zeit, für die Schüler recht ungewohnte, Thema verständlich zu machen.
Weitere Lerngruppen besuchten am Donnerstag und Freitag den „Zug der Erinnerungen“, eine von dem gleichnamigen süddeutschen Verein ins Leben gerufene und kreierte, mobile Ausstellung, die das Schicksaal derer thematisiert, die als Kinder über das Bahnsystem in Konzentrationslager abtransportiert worden waren: Juden, Christen, Sinti und Roma: Menschen, Würdenträger.
Den Abschluss bildete ein Gottesdienst in der St. Lamberti Kirche; vorbereitet von Schülern und Lehrern der Schule und gefeiert sowohl mit dem katholischen Weihbischof Heinrich Timmerevers als auch mit dem evangelischen Bischof Jan Janssen. Die Vertreter beider Kirchen wiesen nochmals darauf hin, die Würde des Anderen, ebenso wie die eigene, anzuerkennen und zu achten.
Während dieser Woche sollte bei allen das Bewusstsein, einem anderen Menschen gleichsam einem Würdenträger gegenüber zu sitzen, auch ohne dass dieser einen Anstecker  trägt, erreicht werden. Ebenso, wie die Gewissheit, selbst unveräußerliche Würde zu besitzen.
Dieses Ziel war utopisch, ein Traum, an den selbst die Überzeugtesten nicht geglaubt haben. Doch: dieser Traum musste sein. Denn wenn auch noch nicht alle zu diesem Bewusstsein gekommen sind, so sind es doch genug, um darüber sagen zu können, dass es ein Erfolg, ein Schritt in die Richtung einer besseren Schulgemeinschaft und, weiter gefasst, Nachfolge Jesu ist.

Einzug zum Gottesdienst in St. Lamberti mit den beiden Bischöfen

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