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30. März 2020

Die Nacht, in der die Mauer fiel

Lesung von Renatus Deckert an der LFS

Renatus Deckert

Schabowskis Zettel – auch für die Lesung von Renatus Deckert an der Liebfrauenschule stellt er die Voraussetzung dar, denn ohne diesen Zettel wäre es wahrscheinlich nicht zu der überraschenden Grenzöffnung in der Nacht des 09. November 1989 gekommen. Ihr nähert sich das Buch "Die Nacht, in der die Mauer fiel" literarisch an. Deckert hat seinerzeit als 12-Jähriger selbst diese denkwürdige Nacht miterlebt – schlafend allerdings, er erfuhr erst am nächsten Tag in der Schule davon, weiß der in Dresden geborene Autor zu berichten. Authentisch und plastisch erzählt er dem neunten Jahrgang von seiner eigenen Jugend in der DDR, davon, dass zum Beispiel nicht jeder Haushalt ein Telefon hatte, sondern man schon mal bei den Nachbarn klingeln musste, um ein Telefonat führen zu können oder einige Eltern bereits bei der Geburt einen Trabi für die Kinder bestellten, damit diese ihn zur Volljährigkeit bekämen. Aus heutiger Sicht wahrscheinlich für die meisten Schüler*innen unvorstellbar. So stellt Deckert zunächst kenntnisreich den politisch-historischen Hintergrund dar, erzählt auch von Schabowskis legendärer Pressekonferenz und ihren Folgen, die einem Erdbeben glichen, um der Schülerschaft anschließend die Möglichkeit zu geben, Fragen zu stellen und Antworten aus erster Hand zu bekommen. Wie war das mit der Stasi damals? Worüber sprach man mit Freunden? Welches Motiv gibt es, ein solches Buch herauszugeben? Wie die Situation in einigen ostdeutschen Bundesländern im Hinblick auf die AfD und die Linke bewerten? Doch all das ist eine Perspektive, seine, wie er betont. Er erweitert diese Sichtweise um zwei Texte aus dem von ihm herausgegebenen Buch, deren Autoren Durs Grünbein und Kerstin Hensel die Nacht des 09. November hautnah und doch gänzlich unterschiedlich erlebt haben. Einmal feiernd, sich von der jubelnden Masse mitreißen lassend und einmal ruhiger, leiser, am nächsten Tag verwirrt, weil der Dozentin die Studierenden abhandengekommen sind. Deckert sagt, dass es durchaus eine gewisse Sprachlosigkeit wegen der Ereignisse gegeben habe. An diesem Tag an der Liebfrauenschule vermag er es allerdings, den Ereignissen eine authentische und jederzeit schöne Sprache zu verleihen.

Tim Eickhoff